Industriestrompreis: Wird der Kreis größer? Vier Branchen fordern jetzt Zugang

Industriestrompreis: Wird der Kreis größer? Vier Branchen fordern jetzt Zugang
09.07.2026 | Lesezeit: ca. 7 Minuten
Der Industriestrompreis ist seit Mai offiziell — doch nur rund 15 Prozent der deutschen Industriebetriebe sind berechtigt. Jetzt formiert sich Widerstand: Vier Branchenverbände fordern in einem offenen Brief die Aufnahme weiterer Sektoren. Mit zehn Gutachten im Gepäck. Was hinter dem Appell steckt, wie realistisch eine Ausweitung ist — und was Unternehmen jetzt tun sollten.
Das Wichtigste in Kürze
- Vier Branchenverbände fordern Zugang zum Industriestrompreis: Die Verbände der Entsorgungsbranche, der Gießereien, der keramischen Rohstoffe sowie der Kalkindustrie haben Anfang Juli einen offenen Brief an Bundesregierung und Bundestag gerichtet.
- Zehn Gutachten sollen die Betroffenheit belegen. Die Verbände argumentieren mit aktuellen Daten: Stromkosten und Netzentgelte haben sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt.
- Der rechtliche Hebel existiert bereits: Die EU hat im Beihilferahmen für den Clean Industrial Deal (CISAF) ausdrücklich die Möglichkeit geschaffen, weitere gefährdete Teilsektoren aufzunehmen — weil die bisherige Einordnung auf veralteten Daten basiert.
- Die Zeit drängt: Der Industriestrompreis soll Anfang 2027 rückwirkend für das Abrechnungsjahr 2026 starten. Je später die Unterlagen bei der EU-Kommission liegen, desto größer das Risiko für die neuen Sektoren, leer auszugehen.
- Für alle anderen gilt: Wer nicht auf der Liste steht (oder es nicht sicher weiß), sollte nicht auf die Politik warten. Die größten Hebel — Effizienz, Lastmanagement, Beschaffung — liegen im eigenen Betrieb.
Die neue Entwicklung: Vier Branchen klopfen an
Anfang Juli haben die Verbände der Entsorgungsbranche, der Gießereien, der keramischen Rohstoffe und Industrieminerale sowie der Kalkindustrie einen offenen Brief an die Bundesregierung und den Bundestag gerichtet. Ihre Forderung: Aufnahme weiterer Sektoren in den Kreis der Begünstigten.
Die Argumentation ist bemerkenswert konkret. Die Verbände verweisen darauf, dass sich Stromkosten und Netzentgelte innerhalb der vergangenen zehn Jahre verdoppelt haben — mit direkten Folgen für Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen und Transformationsvorhaben. Und sie kommen nicht mit leeren Händen: Zehn Gutachten haben die Initiatoren eingereicht, die die erforderliche Betroffenheit ihrer Branchen belegen sollen. Unter anderem soll eine Sektorenerweiterung um Ton und Kaolin geprüft werden.
Matthias Schlotmann, Geschäftsführer des Bundesverbandes Keramische Rohstoffe und Industrieminerale, bringt die Position auf den Punkt: „Keramische Rohstoffe und Industrieminerale made in Germany sind unverzichtbare Grundstoffe für Innovation und Transformation. Unsere Unternehmen stehen im internationalen Wettbewerb und sind auf wettbewerbsfähige Strompreise angewiesen."
Der Hebel: Warum eine Ausweitung rechtlich möglich ist
Wichtig zu verstehen: Es geht nicht um eine Erweiterung der KUEBLL-Liste selbst. Philip Nuyken, Geschäftsführer Politik des Bundesverbands der Deutschen Kalkindustrie, stellt gegenüber energate klar: Die EU hat im Beihilferahmen für den Clean Industrial Deal (CISAF) ausdrücklich die Möglichkeit geschaffen, weitere gefährdete Teilsektoren in den Industriestrompreis aufzunehmen — weil die bisherigen Kriterieneinordnungen auf veralteten Daten basieren.
Das deckt sich mit der Linie des BMWE: Das Ministerium hat selbst einen Verbändeaufruf gestartet und bereits mehrere Gutachten erhalten — unter anderem aus der metallverarbeitenden Industrie, dem Bereich mineralischer Rohstoffe und der Lebensmittelverarbeitung. Nach regierungsinterner Prüfung sollen diese zur Genehmigung an die EU-Kommission gehen, die final über die Einbeziehung weiterer Sektoren entscheidet.
Der Mechanismus ist also kein Wunschdenken der Verbände, sondern ein vorgesehener Prozess: Wer mit aktuellen, EU-weit repräsentativen Daten nachweisen kann, dass seine Branche die Kriterien für Strom- und Handelsintensität erfüllt, hat eine realistische Chance auf Aufnahme.
Warum die Zeit drängt
Der Industriestrompreis soll wie geplant Anfang 2027 rückwirkend für das Abrechnungsjahr 2026 starten. Genau daraus entsteht der Druck: Jeder Monat Verzögerung bei der Prüfung und Weiterleitung der Gutachten an die EU-Kommission erhöht das Risiko, dass neue Sektoren das erste Abrechnungsjahr verpassen — und damit die Entlastung für 2026 unwiederbringlich verlieren.
Dazu kommt die Haushaltsfrage: Die Mittel sind budgetiert. BV-Kalk-Geschäftsführer Nuyken warnt, eine Verzögerung oder ein Ausschluss weiterer Branchen würde das Vertrauen in politische Zusagen untergraben. Die Verbände fordern deshalb, die Unterlagen zügig an die EU-Kommission weiterzuleiten.
Für betroffene Unternehmen heißt das: Die Entscheidung fällt nicht irgendwann — sie fällt in den kommenden Monaten.
Was das für Unternehmen bedeutet
Wenn Ihre Branche zu den Kandidaten gehört
Gießereien, Entsorgung, keramische Rohstoffe, Kalk — und über den BMWE-Verbändeaufruf auch metallverarbeitende Industrie und Lebensmittelverarbeitung: Wer hier zu Hause ist, sollte sich jetzt vorbereiten, statt auf die Entscheidung aus Brüssel zu warten.
Verbrauchsdaten belastbar machen. Die Antragstellung erfolgt rückwirkend auf Basis des tatsächlichen Verbrauchs. Wer 2026 nicht sauber misst, kann 2027 nicht sauber beantragen. Transparente, produktionsstättenscharfe Verbrauchsdaten sind die Eintrittskarte. Die Dekarbonisierungspflicht vordenken. 50 Prozent der Beihilfe müssen innerhalb von 48 Monaten in Dekarbonisierungsmaßnahmen fließen — der Katalog ist technologieoffen (Effizienz, Erneuerbare, Speicher, Power-to-Heat, Infrastruktur). Wer heute schon eine priorisierte Maßnahmenliste mit Wirtschaftlichkeitsrechnung hat, verwandelt die Pflicht in einen Plan. Den Flexibilitäts-Bonus prüfen. Wer wesentlich in Nachfrageflexibilität investiert, erhöht die Entlastung von 3,75 auf rund 4,1 ct/kWh. Voraussetzung: Sie wissen, wo und wann Ihr Betrieb Lasten verschieben kann.
Wenn Ihr Betrieb (weiterhin) nicht berechtigt ist
Für die große Mehrheit ändert der Verbände-Appell erst einmal nichts. Die ehrliche Botschaft aus unserer Juni-Analyse gilt weiter: Die wirksamsten Entlastungen liegen nicht in Berlin oder Brüssel, sondern im eigenen Betrieb.
- Transparenz zuerst: Ohne belastbare Verbrauchsdaten ist jede Optimierung Stochern im Nebel.
- Lastspitzen kappen: Netzentgelte sind einer der Kostentreiber, den die Verbände selbst anführen — Peak Shaving wirkt hier direkt.
- Beschaffung optimieren: Wer Einkaufszeitpunkte systematisch steuert, erreicht Einsparungen in einer Größenordnung, die der Industriestrompreis-Entlastung nahekommt — ohne auf einen Bescheid zu warten.
- Effizienz systematisch heben: Mit ISO-50001-Systematik und KI-gestützter Anomalieerkennung werden Einsparpotenziale kontinuierlich sichtbar statt einmalig im Audit.
Fazit
Der Druck auf die Politik wächst — und er ist gut begründet. Die Sektorenliste des Industriestrompreises basiert auf veralteten Daten, die EU hat den Korrekturmechanismus selbst geschaffen, und die Verbände liefern die Gutachten gleich mit. Eine Ausweitung ist damit realistischer geworden, aber nicht garantiert: Die EU-Kommission entscheidet, und der Zeitplan ist eng.
Für Unternehmen bedeutet das zweierlei. Wer zu den Kandidaten-Branchen gehört, sollte jetzt die Hausaufgaben machen — Verbrauchstransparenz, Maßnahmenplanung, Flexibilitätspotenziale — damit aus einer möglichen Berechtigung schnell ein Antrag werden kann. Und wer weiterhin außen vor bleibt, hat mehr Handlungsspielraum, als die politische Debatte vermuten lässt: Die Kostenhebel im eigenen Betrieb funktionieren unabhängig davon, was Brüssel entscheidet.
Häufige Fragen (FAQ)
> Welche Branchen fordern aktuell Zugang zum Industriestrompreis? Die Verbände der Entsorgungsbranche, der Gießereien, der keramischen Rohstoffe und Industrieminerale sowie der Kalkindustrie haben einen gemeinsamen offenen Brief an Bundesregierung und Bundestag unterzeichnet. Über den Verbändeaufruf des BMWE liegen zudem Gutachten aus der metallverarbeitenden Industrie, dem Bereich mineralischer Rohstoffe und der Lebensmittelverarbeitung vor. > Wird dafür die KUEBLL-Liste erweitert? Nein. Der Weg läuft über den EU-Beihilferahmen für den Clean Industrial Deal (CISAF): Sektoren, die mit aktuellen, EU-weit repräsentativen Daten ihre Strom- und Handelsintensität nachweisen, können zusätzlich aufgenommen werden. Die Entscheidung trifft die EU-Kommission. > Wann fällt die Entscheidung? Ein festes Datum gibt es nicht. Die Gutachten werden derzeit regierungsintern geprüft und sollen anschließend an die EU-Kommission gehen. Da der Industriestrompreis Anfang 2027 rückwirkend für 2026 starten soll, drängen die Verbände auf eine zügige Weiterleitung. > Was sollten potenziell betroffene Unternehmen jetzt tun? Verbrauchsdaten produktionsstättenscharf erfassen (die Antragstellung erfolgt rückwirkend auf Ist-Daten), Dekarbonisierungsmaßnahmen für die 50-Prozent-Reinvestitionspflicht priorisieren und Flexibilitätspotenziale prüfen — der Flex-Bonus erhöht die Entlastung um 10 Prozent. > Was gilt für Unternehmen, die nicht berechtigt sind? Für sie ändert sich zunächst nichts. Die wirksamsten Hebel bleiben betriebsintern: Verbrauchstransparenz, Peak Shaving gegen steigende Netzentgelte, optimierte Strombeschaffung und systematische Effizienzmaßnahmen.
Sie wollen wissen, ob Ihr Betrieb vom Industriestrompreis profitieren könnte — jetzt oder nach einer Ausweitung? Kontaktieren Sie uns: Wir prüfen Ihre Berechtigung und zeigen Ihnen, welche Einsparhebel unabhängig davon sofort wirken.
Quellen: BMWE, Schlaglichter der Wirtschaftspolitik 06/2026, „Im Fokus: Wettbewerbsfähige Strompreise", 26.05.2026 | ecoplanet-Datenanalyse „Industriestrompreis: Für wen gilt er wirklich?", 15.06.2026

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