Wärmer = Billiger Strom? Was 882 Tage Marktdaten verraten

Jeder, der schon einmal eine Stromrechnung mit der Wetter-App verglichen hat, ahnt es: Im kalten, dunklen Januar ist Strom teuer, im milden Frühling billig. Aber stimmt das auch im Detail – und vor allem: *warum*? Und gilt es immer, oder hat die Sache einen Haken, sobald das Ther
Dr. Henry Keppler
Gründer und Geschäftsführer
Negative Strompreise? Was 882 Tage Marktdaten verraten

Wärmer = billiger Strom? Was 882 Tage Wetter- und Marktdaten über den deutschen Strompreis verraten

Lesezeit: ca. 9 Minuten

Jeder, der schon einmal eine Stromrechnung mit der Wetter-App verglichen hat, ahnt es: Im kalten, dunklen Januar ist Strom teuer, im milden Frühling billig. Aber stimmt das auch im Detail – und vor allem: warum? Und gilt es immer, oder hat die Sache einen Haken, sobald das Thermometer im Sommer nach oben klettert?

Wir haben es nachgerechnet. Für 882 Tage – vom 1. Januar 2024 bis zum 31. Mai 2026 – haben wir den durchschnittlichen Day-Ahead-Preis der deutschen Strombörse gegen die Tagesmitteltemperatur in Deutschland gelegt. Das Ergebnis bestätigt die Intuition, dreht sie aber an einer entscheidenden Stelle um.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Zusammenhang ist U-förmig, nicht linear. Eine gerade Linie führt in die Irre: Der Preis fällt von Frost bis etwa 17 °C, erreicht dort sein Minimum (~74 €/MWh) und steigt zu großer Hitze wieder an. Eine konvexe (quadratische) Kurve beschreibt die Daten deutlich besser als eine Gerade (R² 0,15 statt 0,11). Die einfache lineare Korrelation (r = –0,34) zeigt nur die grobe Richtung „wärmer = im Schnitt billiger".
  • Der Unterschied ist erheblich. Frosttage unter 2 °C kosteten im Schnitt 114 €/MWh, milde Tage zwischen 12 und 18 °C nur 76 €/MWh – ein Abschlag von 34 %.
  • Es sind zwei Effekte gleichzeitig. Kälte treibt die Nachfrage (Heizen, Licht), Wärme bringt mehr Angebot (Solar). Beide schieben den Preis bei mildem Wetter nach unten.
  • Im Sommer kippt das Vorzeichen. Innerhalb der Sommermonate korreliert Hitze sogar positiv mit dem Preis (r = +0,18). Die heißesten Tage (≥ 25 °C) lagen bei 94 €/MWh, der heißeste Tag im Datensatz sprang auf 138 €/MWh.
  • Die eigentliche Botschaft: Nicht die Wärme macht Strom billig, sondern Sonne plus niedrige Heizlast. Wenn in der Hitze der Wind ausbleibt, zieht der Preis wieder an.

Was wir analysiert haben (Methodik)

Preisdaten: Day-Ahead-Preise der Gebotszone Deutschland/Luxemburg (DE-LU) in €/MWh, in 15-Minuten-Auflösung von SMARD.de (Bundesnetzagentur). Wir haben sie zu Tagesmittelwerten aggregiert (882 Handelstage).
Temperaturdaten: Tägliche Mitteltemperatur (2 m) aus dem Open-Meteo-Archiv (ERA5-Reanalyse) für 14 deutsche Großstädte (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig, Dortmund, Essen, Bremen, Dresden, Hannover, Nürnberg). Diese haben wir bevölkerungsgewichtet zu einem nationalen Mittel verdichtet – so zählt die Temperatur dort am stärksten, wo auch die meiste Last entsteht.
Auswertung: Inner-Join über das Datum, Pearson-Korrelation und lineare Regression über alle Tage sowie getrennt nach Jahreszeiten und Temperatur-Dezilen.

Ein wichtiger Hinweis vorweg: Temperatur ist kein isolierter Hebel. Sie korreliert mit der Sonneneinstrahlung, mit der Jahreszeit und über Umwege mit Gas- und CO₂-Preisen. Wir messen hier also keine kausale „X-Grad-kosten-Y-Euro"-Mechanik, sondern das reale Zusammenspiel, das am Markt tatsächlich beobachtbar ist. Genau das ist für die Strombeschaffung relevant.

Der Befund: eine klare Abwärtskurve – mit einem Haken am rechten Rand

Trägt man den Durchschnittspreis über Temperaturbänder von je 2 °C auf, entsteht keine gerade Linie, sondern ein „Hockey-Stick" mit leichtem Wiederanstieg:

Tagestemperatur Ø Day-Ahead-Preis
unter 0 °C~113 €/MWh
0 – 4 °C~115 €/MWh
4 – 8 °C~88 €/MWh
8 – 12 °C~77 €/MWh
12 – 16 °C~77 €/MWh
16 – 20 °C (Minimum)~74 €/MWh
20 – 24 °C~79 €/MWh
über 24 °C~94 €/MWh

Der Preis fällt steil ab, sobald es von Frost auf mild umschlägt, erreicht bei rund 17 °C sein Minimum – und steigt bei großer Hitze wieder spürbar an. Die Beziehung ist also konvex und U-förmig, nicht linear: Eine angepasste quadratische Kurve (Scheitelpunkt bei 17,1 °C) bildet die Daten erkennbar besser ab als eine Gerade und macht sichtbar, dass sowohl die kalte als auch die heiße Flanke teuer sind.

Warum Kälte teuer ist: zwei Effekte, eine Richtung

1. Die Nachfrageseite – Kälte zieht Last. Bei Frost heizt Deutschland. Auch wenn Heizungen überwiegend mit Gas laufen, schlägt jeder kalte Tag elektrisch durch: Wärmepumpen, elektrische Zusatzheizungen, Begleitheizungen in der Industrie, dazu die kurzen, dunklen Tage mit hohem Beleuchtungsbedarf. Die Last steigt – und im teuren oberen Ende der Merit-Order entscheiden Gas- und manchmal Ölkraftwerke über den Preis. Der Winter ist strukturell die Hochpreis-Jahreszeit: über unseren Zeitraum kostete die Kilowattstunde im Winter im Mittel 98,6 €/MWh, im Sommer nur 75,3 €/MWh.

2. Die Angebotsseite – Wärme bringt Sonne. Milde Tage sind in der Regel sonnige Tage. Und Solarstrom hat Grenzkosten von praktisch null: Jede eingespeiste Megawattstunde verdrängt ein teureres Kraftwerk aus der Merit-Order und drückt den Preis – mittags besonders heftig. Das ist exakt die Solar-Kannibalisierung, die wir in unserer letzten Analyse beziffert haben: Eine Solar-Kilowattstunde erlöste im ersten Halbjahr 2026 im Schnitt nur 4,5 ct/kWh gegenüber 9,6 ct/kWh Marktdurchschnitt. Mehr Sonne heißt mehr billige Mittagsenergie.

Im Frühling und Frühsommer arbeiten beide Effekte zusammen: wenig Heizlast und viel Sonne. Kein Zufall, dass die niedrigsten Monatspreise unseres Datensatzes im Mai und Juni liegen.

Der Haken: Warum Hitze den Strom wieder verteuert

Hier wird es interessant. Würde „wärmer = billiger" linear gelten, müssten die heißesten Tage am günstigsten sein. Das Gegenteil ist der Fall. Innerhalb der Sommermonate (Juni–August) kippt die Korrelation ins Positive (+0,18):

Sommertage Ø Day-Ahead-Preis
kühl (unter 18 °C)~70 €/MWh
warm (18 – 25 °C)~77 €/MWh
heiß (≥ 25 °C)~94 €/MWh

Der heißeste Tag im gesamten Datensatz – der 1. Juli 2025 mit 26 °C im Bundesmittel – brachte einen Tagesschnitt von 138 €/MWh, mehr als das Doppelte eines milden Frühlingstags. Vier Gründe stehen dahinter:

  • Hochdruck heißt Windflaute. Echte Hitzewellen in Deutschland entstehen unter stabilen Hochdrucklagen mit kaum Luftbewegung. Genau dann fällt die Windkraft – der zweite große Pfeiler der Erneuerbaren – weitgehend aus. Eine sommerliche „Dunkelflaute" bei vollem Sonnenschein, aber ohne Wind.
  • Solar ist mittags ohnehin am Anschlag. Wenn die PV-Leistung bereits ihr Tagesmaximum erreicht, bringt zusätzliche Hitze kaum mehr Einspeisung – im Gegenteil: Module verlieren bei hohen Zelltemperaturen rund 0,3–0,4 % Wirkungsgrad pro Grad. Und die teuren Abend- und Nachtstunden ohne Sonne bleiben das Preisproblem.
  • Kühllast statt Heizlast. Klimaanlagen, Kälteanlagen und Rechenzentren ziehen bei Hitze mehr Strom. In Deutschland ist dieser Effekt (noch) kleiner als in Südeuropa, aber er wächst.
  • Thermische Restriktionen. Hohe Fluss- und Kühlwassertemperaturen begrenzen die Leistung konventioneller und nuklearer Kraftwerke – auch im Ausland (Frankreich), was über den gekoppelten Markt nach Deutschland durchschlägt.

Die Pointe: Nicht die Wärme an sich senkt den Preis, sondern ihre üblichen Begleiter – Sonne und geringe Heizlast. Treten Wärme und Windflaute gemeinsam auf, verschwindet der Rabatt und kehrt sich um. Ein wichtiger Vorbehalt zur Ehrlichkeit der Daten: Tage über 25 °C sind selten (nur eine Handvoll in zwei Sommern), und die Streuung ist groß – der 22. Juni 2025 war mit 25,8 °C ähnlich heiß und kostete trotzdem nur 41 €/MWh, weil an dem Tag eben doch Wind wehte. Der Mechanismus ist klar, die Einzeltage bleiben wetterabhängig.

Saisonales Gesamtbild

Jahreszeit Ø Temperatur Ø Preis Korrelation
Winter2,9 °C98,6 €/MWh–0,42
Frühling11,0 °C78,9 €/MWh–0,25
Sommer19,2 °C75,3 €/MWh+0,18
Herbst11,0 °C91,3 €/MWh–0,28

Im Winter ist der Zusammenhang am stärksten und am intuitivsten: Jedes Grad weniger kostet bares Geld. Im Sommer dreht er sich um. Über das Jahr gemittelt überwiegt klar der Winter-Effekt – deshalb das negative Gesamtvorzeichen.

Was das für Unternehmen bedeutet

Für die Strombeschaffung sind drei Schlüsse praktisch relevant:

  1. Der Preis folgt dem Wetter, nicht dem Kalender. Wer mit dynamischen oder spotnahen Tarifen arbeitet, kann seine Energiekosten schon innerhalb eines Monats zweistellig bewegen – je nachdem, ob er in die sonnigen, windreichen Stunden hineinproduziert oder in die teuren Abend- und Frostfenster.
  1. Lastflexibilität ist der Hebel. Laden, Heizen, Kühlen, Pumpen, Produzieren – alles, was sich zeitlich verschieben lässt, gehört in die Mittags- und Schwachlaststunden mit viel Erneuerbaren-Einspeisung. Das ist nicht nur billiger, sondern auch CO₂-ärmer.
  1. Hitze ist kein Freibrief. Wer pauschal davon ausgeht, dass der Sommer billig ist, wird in Hitzewellen mit Windflaute überrascht. Hier zahlt sich aus, die Beschaffung an Wind- und Solarprognosen auszurichten statt an der reinen Temperatur.

Die Grundlage für all das ist Transparenz: zu wissen, wann der eigene Verbrauch anfällt und wie er sich zu den Marktpreisen verhält. Genau diese Verbindung – Verbrauchsdaten, Marktdaten und Wetter in einem Bild – ist der erste Schritt, um aus einem wetterabhängigen Markt einen planbaren Kostenvorteil zu machen.

Datengrundlage: Day-Ahead-Preise DE-LU von SMARD.de (Bundesnetzagentur), 15-Minuten-Auflösung, aggregiert zu Tagesmittelwerten. Temperatur: bevölkerungsgewichtetes Tagesmittel über 14 deutsche Großstädte aus dem Open-Meteo-Archiv (ERA5). Zeitraum: 1. Januar 2024 – 31. Mai 2026, 882 Tage. Analyse: ecoplanet.