Metallindustrie: Warum die Kilowattstunde bis zu 20% teurer ist als in der Chemie

Zwischen 2018 und 2022 stiegen die Energiestückkosten für Strom in der Metallindustrie von 21,4 % auf 29,0 % des Umsatzes — ein Anstieg, der sich auch nach der Energiepreiskrise nicht vollständig zurückgebildet hat. Die Metallindustrie hat mit 2,7 Mrd. Euro die höchsten Stromkost
Dr. Henry Keppler
Gründer und Geschäftsführer
Metallindustrie: Warum die Kilowattstunde bis zu 20% teurer ist als in der Chemie

Metallindustrie 2026: Warum die Kilowattstunde bis zu 20 % teurer ist als in der Chemie

Unsere Auswertung der Lastgänge von 364 deutschen Industrieunternehmen zeigt: Metallbetriebe zahlen 6,0 bis 6,5 ct/kWh Netzentgelt — bis zu 20 % mehr als die Chemieindustrie mit 5,4 ct/kWh. Der Grund liegt nicht im Einkauf, sondern im Lastprofil: Schmelzöfen, Presswerke und Gießereien erzeugen kurze, hohe Lastspitzen, die den teuren Leistungspreis in die Höhe treiben. Betriebe, die ihr Lastprofil kennen und aktiv steuern, können diesen Aufschlag spürbar senken.

Die Metallindustrie hat eine eigene Branchenseite bei ecoplanet — zu Recht, denn kaum eine Branche hat ein so eigenwilliges Verhältnis zum Strommarkt. Schmelzöfen, Presswerke und Gießereien ziehen Leistung in Sprüngen, nicht in Wellen. Genau dieses Muster macht Standard-Energiemanagement, das für gleichmäßige Bürogebäude oder Grundlastprozesse gebaut ist, an vielen Metallstandorten wirkungslos. Was das für die Kosten konkret bedeutet, zeigt eine aktuelle Analyse von ecoplanet — basierend auf gemessenen Lastgängen von Metallbetrieben aus ganz Deutschland.

Für die Analyse wurden keine Umfragen oder Modellannahmen herangezogen, sondern die realen Viertelstunden-Lastgänge von 364 deutschen Industrieunternehmen mit zusammen rund 7,8 TWh Jahresverbrauch — so viel wie 2,5 Millionen Haushalte. Das ist genau die Datenbasis, die auch über das eigene Netzentgelt entscheidet. Das Ergebnis: Die Metallindustrie zahlt nicht mehr, weil sie schlechter verhandelt, sondern weil ihr Lastprofil im heutigen, zunehmend wetterabhängigen Strommarkt strukturell benachteiligt ist.

Warum die Metallindustrie ein eigenes Lastprofil hat

Die amtliche Statistik unterscheidet zwei Metall-Cluster, und beide ticken unterschiedlich. Die Metallerzeugung — Elektrolichtbogenöfen, Induktionsöfen, Walzwerke — fährt ein sogenanntes Schichtplateau: hohe, über mehrere Stunden gehaltene Lastblöcke, die abrupt an- und abschalten. Die Metallerzeugnisse — Presswerke, Stanzereien, Gießereien in der Weiterverarbeitung — folgen dagegen eher einer Tagesglocke, ähnlich dem Maschinenbau: Last steigt morgens schnell an, hält sich über den Schichtbetrieb und bricht abends wieder ein. Beide Muster haben eines gemeinsam: Sie sind das Gegenteil einer flachen Grundlast, wie sie die Chemieindustrie rund um die Uhr fährt.

Definition: Lastgang und Lastfaktor
Ein Lastgang ist die lückenlose Aufzeichnung, wie viel Leistung (kW) ein Betrieb in jedem 15-Minuten-Intervall bezieht — 35.040 Messwerte pro Jahr. Der Lastfaktor setzt die durchschnittliche Last ins Verhältnis zur Spitzenlast. Ein Wert von 1,0 entspräche einer perfekten Grundlast rund um die Uhr; je niedriger der Wert, desto kürzer und höher die Spitzen.

Für die Kostenrechnung ist dieser Unterschied kein Detail, sondern der entscheidende Hebel — denn der Netzbetreiber rechnet nicht nur nach Verbrauch ab, sondern auch nach der höchsten gemessenen Leistungsspitze im Jahr. Ein Elektrolichtbogenofen kann seinen Strombedarf innerhalb weniger Sekunden um mehrere Megawatt verändern; ein Induktionsofen zieht seine volle Leistung praktisch ohne Anlauframpe. Fahren mehrere solcher Aggregate gleichzeitig hoch — Schmelzofen, Walzwerk, Druckluftversorgung —, summieren sich ihre Spitzen zu einem einzigen, teuren Viertelstundenwert, der zwölf Monate lang den Leistungspreis bestimmt.

Was unsere Daten zeigen: Metallindustrie im Vergleich

Für die Analyse wurden die Lastgänge von 37 Unternehmen aus der Metallerzeugung (Median-Verbrauch 9,6 GWh/a) und 44 Unternehmen aus der Metallerzeugnisse-Fertigung (Median-Verbrauch 5,9 GWh/a) ausgewertet — 81 der insgesamt 364 Unternehmen in der Stichprobe. Drei Zahlen daraus zeigen, warum die Branche strukturell benachteiligt ist:

1. Der Lastfaktor ist niedrig. Metallerzeugung kommt auf einen Lastfaktor von 0,37 bei 3.207 Vollbenutzungsstunden, Metallerzeugnisse auf 0,41 bei 3.589 Stunden. Zum Vergleich: Die Chemieindustrie erreicht 0,47 bei über 4.100 Stunden — knapp 40 % mehr Kilowattstunden tragen dort denselben Leistungspreis-Festbetrag.

2. Das Netzentgelt liegt deutlich über dem Branchendurchschnitt. Metallerzeugung zahlt 6,5 ct/kWh, Metallerzeugnisse 6,0 ct/kWh — die Chemieindustrie kommt auf 5,4 ct/kWh. Für die Metallerzeugung sind das rund 20 % mehr Netzentgelt je Kilowattstunde bei identischem Arbeitspreis-Einkauf.

3. Auch der Börsenstrompreis trifft peakige Profile härter. Weil beide Metall-Cluster überdurchschnittlich oft in den teuren Morgen- und Abendstunden einkaufen, liegt ihr Capture-Preis 2025 bei rund 95,5 bis 95,7 €/MWh — 6,9 bis 7,1 % über dem Basispreis von 89,33 €/MWh. Bei 20 GWh Jahresverbrauch macht dieser Profilaufschlag allein 123.000 bis 127.000 Euro Mehrkosten pro Jahr aus, verglichen mit einem Grundlast-Bezieher derselben Menge.

Und die Entwicklung zeigt in die falsche Richtung: Zwar sinkt der Basispreis am Strommarkt laut aktuellen Preisterminkurven bis 2036 spürbar. Der Profilaufschlag peakiger Branchen wächst trotzdem weiter, weil die Preisspreizung zwischen den Stunden mit dem Ausbau von Wind- und Solarstrom zunimmt — nur Grundlastprofile wie die Chemie bleiben davon weitgehend verschont. Wer heute noch keinen Überblick über sein eigenes Lastprofil hat, verliert also nicht nur jetzt, sondern zunehmend auch in den kommenden Jahren.

Warum Standard-EnMS an Gießereien und Presswerken scheitert

Viele Energiemanagementsysteme sind für gleichmäßige Prozesse kalibriert: feste Schwellenwerte, tägliche oder wöchentliche Auswertungen, Alarmierung bei Abweichung vom Mittelwert. In der Metallindustrie greift das zu kurz. Ein Chargenbetrieb im Gießereibetrieb oder ein Presswerk im Zweischichtbetrieb produziert genau die kurzen, harten Lastspitzen, die ein für Grundlast ausgelegtes System entweder als Normalfall durchwinkt oder als Dauer-Alarm meldet. Entscheidend ist stattdessen die viertelstundenscharfe Auswertung: Welches Aggregat läuft wann an, welche Anläufe überschneiden sich, und welche Spitze war tatsächlich vermeidbar?

Was Metallbetriebe konkret tun können

1. Lastgang viertelstundenscharf auswerten. Bevor irgendeine Maßnahme greift, muss klar sein, wann und wodurch Spitzen entstehen. Die Verbrauchsvisualisierung von ecoplanet macht genau das automatisch sichtbar — ohne dass Energiemanager Rohdaten von Hand aufbereiten müssen.

2. Anlaufsequenzen entzerren. Wenn Schmelzofen, Walzwerk und Druckluftversorgung gleichzeitig hochfahren, addieren sich ihre Spitzen zu einem einzigen teuren Viertelstundenwert. Ein sequenzieller statt simultaner Anlauf kostet nichts außer Planung und senkt die Spitzenlast spürbar.

3. Speicher dort einsetzen, wo organisatorische Maßnahmen an Grenzen stoßen. Wo sich Prozessspitzen nicht verschieben lassen, gleicht ein Batteriespeicher sie aus und kappt den teuren Leistungspreisanteil. Ob sich das für den eigenen Standort rechnet, hängt direkt vom individuellen Lastprofil ab — mehr dazu in der Übersicht zu Speicherlösungen und Peak Shaving.

Fazit

Die Metallindustrie zahlt nicht mehr pro Kilowattstunde, weil sie schlechter einkauft, sondern weil ihr Lastprofil — Schichtplateau in der Erzeugung, Tagesglocke in der Weiterverarbeitung — den teuersten Teil der Stromrechnung systematisch nach oben treibt. Wer diesen Mechanismus kennt und sein Lastprofil aktiv steuert, verwandelt einen strukturellen Nachteil in einen Kostenhebel, den andere Branchen längst nutzen.

Die vollständigen Branchenvergleiche, Jahresdauerlinien und Zukunftsprognosen bis 2036 für die Metallindustrie und zehn weitere Branchen finden Sie im Energiekosten-Report 2026 von ecoplanet.

Möchten Sie wissen, wie Ihr eigenes Lastprofil im Branchenvergleich abschneidet? Kontaktieren Sie uns für eine unverbindliche Analyse.

Häufige Fragen zum Lastprofil in der Metallindustrie

Warum zahlt die Metallindustrie mehr Netzentgelt als die Chemie, obwohl beide am selben Markt einkaufen? Weil der Leistungspreis nicht am Verbrauch, sondern an der höchsten Viertelstunden-Spitze im Jahr hängt. Die Chemie fährt eine flache Grundlast und verteilt diesen Festbetrag auf über 4.100 Vollbenutzungsstunden, die Metallerzeugung nur auf rund 3.200. Dieselbe Fixkostenlast trifft damit deutlich weniger Kilowattstunden.

Was ist der Unterschied zwischen Metallerzeugung und Metallerzeugnisse in Bezug auf das Lastprofil? Die Metallerzeugung (Schmelzöfen, Walzwerke) fährt ein Schichtplateau mit lang gehaltenen Lastblöcken, die Metallerzeugnisse-Fertigung (Presswerke, Stanzereien) eher eine Tagesglocke, die morgens ansteigt und abends abfällt — ähnlich dem Maschinenbau. Beide Muster sind ungünstiger als eine Grundlast, aber aus unterschiedlichen Gründen.

Lohnt sich ein Batteriespeicher für jeden Metallbetrieb? Nicht pauschal — die Wirtschaftlichkeit hängt vom individuellen Lastgang ab, insbesondere davon, wie oft und wie stark die Spitzen über dem Grundniveau liegen. Eine Lastganganalyse ist deshalb immer der erste Schritt, bevor eine Speicherinvestition sinnvoll bewertet werden kann.

Quellen

  • ecoplanet: Energiekosten-Report 2026 — Intelligentes Energiemanagement für die deutsche Industrie (Lastgangdatenbank, Stand Juli 2026)
  • EPEX Day-Ahead DE-LU 2025 via SMARD/energy-charts
  • ecoplanet-Kurvenwelt: Preisterminkurven (PFC) 26/27, 2030, 2036